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Epoche vertieft · ca. 1600–1750

Barock

Das Barock nennt man auch das „Generalbasszeitalter“: Unter fast jeder Musik zwischen 1600 und 1750 liegt eine durchgehende, bezifferte Bassstimme. Darüber entfalten sich Affekte, also starke, einheitliche Gefühle. Es entstehen neue Gattungen wie Oper, Oratorium, Konzert und Fuge.

Zeit und Umfeld

Fürsten zeigen ihre Macht mit prächtigen Schlössern, Festen und Musik (Absolutismus, Versailles). Die Kirchen, katholisch wie evangelisch, brauchen Musik für jeden Sonntag. In den Städten entsteht ein zahlendes Publikum. Der Name „Barock“ kommt vermutlich vom portugiesischen barroco, einer unregelmäßigen Perle, und war zunächst abwertend gemeint.

  1. um 1600Neuer Stil in Florenz Statt vieler gleichberechtigter Stimmen: eine Melodie mit Generalbass-Begleitung (Monodie). Daraus entsteht die Oper.
  2. 1637Erstes öffentliches Opernhaus In Venedig kann jeder, der Eintritt zahlt, in die Oper gehen, nicht nur der Hof.
  3. 1618–1648Dreißigjähriger Krieg In Deutschland schrumpfen viele Kapellen. Heinrich Schütz schreibt deshalb auch Musik für kleine Besetzungen.
  4. um 1700Dur und Moll Die Kirchentonarten werden von Dur-Moll-Tonalität mit Tonika und Dominante abgelöst. Instrumentalmusik wird so wichtig wie Vokalmusik.
  5. 1750Tod Johann Sebastian Bachs gilt als Ende der Epoche. Der neue, leichtere Stil führt zur Klassik.

Klang des Barock

Typisch

  • Generalbass: Ein durchgehendes Bassfundament mit Akkorden darüber.
  • Affekt: Ein Satz bleibt meist in einer Grundstimmung (Freude, Klage, Zorn). Mehr dazu bei der Affektenlehre.
  • Motorik und Fortspinnung: Gleichmäßig laufende Notenwerte, Motive werden in Sequenzen weitergesponnen.
  • Terrassendynamik: Laut und leise wechseln stufenweise, eher selten mit Crescendo.
  • Konzertierendes Prinzip: Gruppen wetteifern miteinander, etwa Solo gegen Tutti oder Chor gegen Chor.

Gegenüber der Renaissance

  • Statt gleichberechtigter Stimmen: Melodie und Bass als Gerüst
  • Statt fließend ohne Takt: Taktstriche und spürbarer Puls
  • Statt Kirchentonarten: Dur und Moll
  • Statt vor allem Chor: Instrumente und Sologesang gleichberechtigt
  • Statt maßvoller Ausgewogenheit: starke Kontraste und Affekte

Generalbass

Der Generalbass (italienisch basso continuo, „fortlaufender Bass“) ist eine notierte Bassstimme mit Zahlen. Die Zahlen sagen dem Spieler, welche Akkorde er darüber greifen soll. Ausgeschrieben wird nur der Bass. Die Akkorde setzt der Spieler beim Spielen selbst aus, ähnlich wie heute ein Gitarrist nach Akkordsymbolen spielt.

Wer spielt den Generalbass?

  • Akkordinstrument: Cembalo, Orgel, Laute oder Theorbe. Es spielt Bass und Akkorde.
  • Melodisches Bassinstrument: Violoncello, Gambe, Fagott oder Kontrabass. Es verstärkt die Basslinie.
  • Beide zusammen bilden die Continuo-Gruppe, das Fundament fast jedes Barockstücks, vom Lied bis zur Oper.

Die vier Grundregeln

  1. Keine Zahl = Dreiklang (Terz und Quinte über dem Bass) mit den Vorzeichen der Tonart.
  2. Ein Vorzeichen ohne Zahl gilt der Terz: ♯ oder ♮ erhöht sie, ♭ erniedrigt sie.
  3. Eine 6 ersetzt die 5, es sei denn, es stehen beide Zahlen da (6/5).
  4. Eine 4 ersetzt die 3. Steht danach eine 3, löst sich der Ton abwärts auf (Vorhalt). Töne, die zum nächsten Akkord passen, bleiben liegen.

Die wichtigsten Ziffern

Intervalle zählen immer vom Bass aus aufwärts; Beispiel über dem Basston c in C-Dur
ZifferNameTöne über dem Bassüber c
keine (5/3)GrundakkordTerz, Quintec – e – g
6SextakkordTerz, Sextec – e – a
6/4QuartsextakkordQuarte, Sextec – f – a
7SeptakkordTerz, Quinte, Septimec – e – g – b
6/5QuintsextakkordTerz, Quinte, Sextec – e – g – a
4 – 3QuartvorhaltQuarte, die zur Terz wirdc – f – g → c – e – g
♭ (allein)veränderte Terzkleine statt großer Terzc – es – g

Gut aussetzen

  • Kürzester Weg: Jede Oberstimme geht zum nächstgelegenen Ton des neuen Akkords.
  • Gemeinsame Töne liegen lassen: Was im nächsten Akkord wieder vorkommt, bleibt in derselben Stimme.
  • Enge Lage: Die drei Oberstimmen liegen nah beieinander, höchstens eine Oktave.
  • Keine Quint- und Oktavparallelen: Zwei Stimmen dürfen nicht im Abstand einer Quinte oder Oktave gemeinsam in dieselbe Richtung weitergehen.
  • Leitton nach oben: Der 7. Ton der Tonart (in F-Dur das e) will einen Halbton aufwärts zum Grundton.

Übung: Generalbass aussetzen

Setze über dem bezifferten Bass drei Oberstimmen im Violinschlüssel (F-Dur, ein b). Klick auf eine Stelle der oberen Notenzeile setzt einen Ton. Weitere Klicks auf denselben Ton ändern das Versetzungszeichen (z. B. e → es → eis), danach wird der Ton gelöscht. Mit der Tastatur: Spalte mit Tab wählen, ↑/↓ wählt die Tonhöhe, Enter setzt, Entf löscht, ←/→ wechselt die Spalte.

Deine Akkorde:

    Die vierte Aufgabe ist die Kadenz vom Arbeitsblatt „Der Generalbass“. Die Lösung zeigt eine Aussetzung im kürzesten Weg ohne Quint- und Oktavparallelen. Es gibt aber oft mehrere richtige Lösungen.

    Barocke Oper

    Um 1600 wollte ein Kreis von Gelehrten und Musikern in Florenz, die Camerata, das antike griechische Drama wiederbeleben. Dort, so glaubte man, wurde durchgehend gesungen. Dafür erfand man den Sologesang über Generalbass, der den Text verständlich lässt. So entstand die Oper, die bald zur prächtigsten Gattung des Barock wurde, mit Bühnenmaschinen, Kostümen und gefeierten Sängerstars.

    Bausteine einer Barockoper

    • Ouvertüre: Instrumentale Einleitung. Die französische beginnt langsam und punktiert, dann folgt ein schneller, fugierter Teil. Die italienische hat die Folge schnell – langsam – schnell.
    • Rezitativ: Sprechgesang, der die Handlung vorantreibt. Beim Secco begleitet nur der Generalbass, beim Accompagnato das Orchester für dramatische Momente.
    • Arie: Ein Gefühlsmoment, in dem die Zeit stillsteht. Meist als Da-capo-Arie (A – B – A′): Bei der Wiederholung von A verziert die Sängerin frei.
    • Chor, Ensemble, Ballett: vor allem in der französischen Oper.

    Opernarten

    • Opera seria (Italien): ernste Stoffe aus Antike und Mythos, Helden, Herrscher; Glanzrollen für Kastraten und Primadonnen.
    • Opera buffa (ab ca. 1730): komische Oper mit Figuren aus dem Alltag, z. B. Pergolesis La serva padrona (1733).
    • Tragédie lyrique (Frankreich, Lully): mit Chören, Tänzen und französischer Ouvertüre für den Hof Ludwigs XIV.
    • Englische Oper und Semi-Opera, z. B. Purcell.
    FormA: HauptaffektB: KontrastA′ da capo, verziert
    Da-capo-Arie: Nach dem kontrastierenden Mittelteil heißt es „da capo“ (von vorn). Der A-Teil wird wiederholt, diesmal mit freien Verzierungen der Sängerin oder des Sängers.

    Werke

    Claudio Monteverdi: L’Orfeo (1607)

    Die erste große Oper der Musikgeschichte. Orpheus will seine Eurydike aus der Unterwelt zurückholen. Monteverdi nutzt Rezitativ, Arie, Chor und ein großes, farbiges Orchester.

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    Henry Purcell: Dido and Aeneas (um 1689)

    Didos Klage „When I am laid in earth“ steht über einem immer wiederkehrenden, chromatisch absteigenden Bass, dem Lamento-Bass. Generalbass als Ausdrucksmittel.

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    Georg Friedrich Händel: Giulio Cesare (1724)

    Opera seria für London mit virtuosen Da-capo-Arien. Händel schrieb über 40 Opern, darunter Rinaldo (1711) mit der Arie „Lascia ch’io pianga“.

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    Oratorium, Kantate und Passion

    Die geistliche Vokalmusik übernimmt die Mittel der Oper: Rezitativ, Arie und Chor, aber ohne Bühne, Kostüme und Handlung auf der Szene.

    Oratorium

    Eine biblische Geschichte, verteilt auf Erzähler und Rollen, mit Chören, aufgeführt im Konzertsaal oder in der Kirche. Höhepunkt: Händels Messiah (1742) mit dem „Halleluja“.

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    Kantate

    Ein kürzeres Werk aus Rezitativen, Arien und Chorälen, im evangelischen Gottesdienst passend zum Sonntag. Bach schrieb in Leipzig über 200 Kirchenkantaten, z. B. Wachet auf, ruft uns die Stimme (BWV 140).

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    Passion

    Die Leidensgeschichte Jesu: Ein Evangelist erzählt im Rezitativ, Arien betrachten das Geschehen, Choräle sind die Antwort der Gemeinde. Bachs Matthäus-Passion (1727) ist das berühmteste Beispiel.

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    Konzert

    Im Konzert (italienisch concertare, wetteifern) treten eine große und eine kleine Gruppe oder ein Solist gegeneinander an. Das ist das konzertierende Prinzip in Reinform.

    Zwei Arten

    • Concerto grosso: Eine kleine Solistengruppe (Concertino, z. B. zwei Violinen und Cello) wechselt mit dem ganzen Orchester (Tutti oder Ripieno) ab. Beispiel: Arcangelo Corelli, op. 6 (1714).
    • Solokonzert: Ein einzelner Virtuose steht dem Orchester gegenüber. Meist drei Sätze, schnell – langsam – schnell. Antonio Vivaldi schrieb über 500 Konzerte, darunter Die vier Jahreszeiten (1725).
    TuttiRitornellRit.Ritornell
    SoloSoloSolo
    Ritornellform im schnellen Satz: Das Orchester-Ritornell kehrt immer wieder, oft in anderen Tonarten. Dazwischen glänzt der Solist mit freieren, virtuosen Episoden.

    Werke

    Antonio Vivaldi: Der Frühling aus Die vier Jahreszeiten

    Programmmusik im Barock: Vogelgezwitscher, Bäche und Gewitter in der Solovioline, das Ritornell kehrt immer wieder.

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    Johann Sebastian Bach: Brandenburgische Konzerte (1721)

    Sechs Konzerte mit immer anderer Besetzung. Im zweiten treten Trompete, Blockflöte, Oboe und Violine als Concertino auf.

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    Fuge

    Die Fuge (lateinisch fuga, Flucht) ist die Krönung der barocken Polyphonie: Ein Thema „flieht“ durch alle Stimmen. Sie führt die Imitation der Renaissance weiter, jetzt mit Dur-Moll-Harmonik und festem Ablauf.

    So ist eine Fuge gebaut

    • Exposition: Das Thema (Subjekt oder Dux) erklingt zuerst allein. Dann antwortet die nächste Stimme mit dem Thema auf der Dominante (Comes), bis alle Stimmen eingesetzt haben.
    • Kontrasubjekt: eine Gegenstimme, die das Thema bei den nächsten Einsätzen begleitet.
    • Zwischenspiele: Abschnitte ohne vollständiges Thema, oft mit Sequenzen, die in neue Tonarten führen.
    • Durchführungen: weitere Themeneinsätze in anderen Tonarten, manchmal enger verzahnt (Engführung), bis zum Schluss in der Grundtonart.
    SopranDuxKontrasubjektfrei
    AltComesKontras.frei
    BassDuxKontras.
    Exposition einer dreistimmigen Fuge: Das Thema wandert durch die Stimmen, abwechselnd auf der Tonika (Dux) und der Dominante (Comes).

    Werke

    Bach: Das Wohltemperierte Klavier (Teil I 1722)

    24 Präludien und Fugen durch alle Dur- und Molltonarten. Möglich wurde das durch neue Stimmungen der Tasteninstrumente.

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    Bach: Toccata und Fuge d-Moll BWV 565

    Berühmtes Orgelwerk: freie, improvisatorische Toccata, danach eine Fuge über ein laufendes Sechzehntel-Thema.

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    Suite

    Die Suite (französisch „Folge“) ist eine Reihe stilisierter Tänze in derselben Tonart, gedacht zum Zuhören, nicht mehr zum Tanzen. Der Kern sind vier Tänze aus verschiedenen Ländern:

    Kernfolge der barocken Suite; dazu kommen oft Präludium oder Ouvertüre, Menuett, Gavotte, Bourrée
    TanzHerkunftTaktCharakter
    Allemandedeutsch4/4gemäßigt, fließend
    Courantefranzösisch / italienisch3/2 bzw. 3/4laufend, lebhaft
    Sarabandespanisch3/4langsam, feierlich, Betonung auf der 2. Zählzeit
    Gigueenglisch / irisch6/8, 12/8schnell, springend, oft fugiert

    Händel: Wassermusik (1717)

    Suiten für eine Bootsfahrt König Georgs I. auf der Themse, mit Hörnern und Trompeten unter freiem Himmel.

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    Bach: Orchestersuite Nr. 3 D-Dur

    Mit französischer Ouvertüre und dem berühmten „Air“ über einem schreitenden Generalbass.

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    Gattungen im Vergleich

    Barocke Gattungen auf einen Blick
    Gattungvokal / instrumentalOrttypischBeispiel
    Opervokal mit OrchesterTheater, HofRezitativ, Da-capo-Arie, BühneMonteverdi, L’Orfeo
    Oratoriumvokal mit OrchesterKonzert, Kirchebiblische Handlung ohne Bühne, große ChöreHändel, Messiah
    Kantate / Passionvokal mit OrchesterGottesdienstRezitativ, Arie, ChoralBach, Matthäus-Passion
    KonzertinstrumentalHof, KonzertSolo gegen Tutti, RitornellformVivaldi, Vier Jahreszeiten
    Fugemeist instrumentalKirche (Orgel), HausThema wandert durch alle StimmenBach, Wohltemperiertes Klavier
    SuiteinstrumentalHof, HausFolge stilisierter TänzeHändel, Wassermusik
    Teste dich
    1. Unter dem Bass steht „6“. Welche Töne spielst du über c? e und a (Terz und Sexte statt Quinte)
    2. Eine Sängerin wiederholt den ersten Teil ihrer Arie und verziert ihn frei: Da-capo-Arie
    3. Ein Orchesterteil kehrt immer wieder, dazwischen spielt eine Solovioline virtuos: Ritornellform im Solokonzert
    4. Ein Thema setzt nacheinander in allen Stimmen ein, abwechselnd auf Tonika und Dominante: Fuge (Exposition)

    Quellen