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Epoche vertieft · ca. 1430–1600

Renaissance

„Renaissance“ heißt Wiedergeburt: Man nimmt sich die Antike zum Vorbild und stellt den Menschen in den Mittelpunkt (Humanismus). In der Musik ist es das Zeitalter der Vokalpolyphonie. Vier und mehr selbstständige Stimmen verweben sich, Komponisten werden berühmt, und der Notendruck trägt ihre Werke durch ganz Europa.

Zeit und Umfeld

Die Renaissance beginnt im 15. Jahrhundert in Italien, besonders in Florenz, und breitet sich über ganz Europa aus. Es ist die Zeit von Leonardo da Vinci, Michelangelo und Albrecht Dürer, von der Entdeckung Amerikas (1492) und vom Buchdruck. Menschen wollen die Natur verstehen und den Dingen auf den Grund gehen. Für die Musik sind vor allem diese Entwicklungen wichtig:

  1. ab ca. 1430Franko-flämische Komponisten Guillaume Dufay, später Johannes Ockeghem und Josquin des Prez prägen den Stil in ganz Europa. Notiert wird in weißer Mensuralnotation.
  2. 1501Notendruck Ottaviano Petrucci druckt in Venedig das erste Notenbuch mit beweglichen Lettern (Odhecaton). Musik wird zur Ware, Komponisten werden über ihre Stadt hinaus bekannt.
  3. ab 1517Reformation Martin Luther will, dass die Gemeinde selbst singt, und zwar auf Deutsch. Es entsteht das evangelische Kirchenlied (z. B. „Ein feste Burg ist unser Gott“, 1529).
  4. 1545–1563Konzil von Trient Die katholische Kirche verlangt, dass der Text in der Kirchenmusik verständlich bleibt. Palestrinas schlichter, klarer Satz gilt als Vorbild.
  5. um 1600Übergang zum Barock In Florenz entstehen Sologesang mit Begleitung und die Oper (Monteverdi, L’Orfeo, 1607).

Klang der Renaissance

Typisch

  • Vier und mehr gleichberechtigte Stimmen: Die Stimmlagen Sopran (Cantus), Alt, Tenor, Bass werden zum Standard.
  • Durchimitation: Jede Textzeile bekommt ein eigenes Motiv, das nacheinander durch alle Stimmen wandert.
  • Wohlklang: Terzen und volle Dreiklänge; Dissonanzen werden sorgfältig vorbereitet und aufgelöst.
  • Vokal: Das Ideal ist der Chor a cappella, also „wie in der Kapelle“, ohne Instrumente. In der Praxis spielten Instrumente oft mit.
  • Kein Taktstrich: Die Musik fließt in ruhigem Grundschlag, ohne betonte Takte.

Gegenüber dem Mittelalter

  • Statt einstimmigem Choral oder offenen Quinten: volle, weiche Akkorde
  • Statt starrer rhythmischer Muster: fließende, gleichwertige Linien
  • Statt anonymer Musik: Komponisten mit Namen und Ruhm
  • Neben der Kirche: Musik für Hof, Stadt und Bürgerhaus

Beispiel: So sieht Durchimitation aus

SopranMotivfrei weiter
AltMotivfrei weiter
TenorMotivfrei weiter
BassMotivfrei
Das Motiv zur ersten Textzeile setzt nacheinander in allen Stimmen ein, oft eine Quinte oder Oktave versetzt. Dann beginnt mit der nächsten Textzeile ein neues Motiv, und das Spiel wiederholt sich. Zum Hören: der Beginn von Josquins Ave Maria … virgo serena.

Messe

Die Messe ist die mehrstimmige Vertonung der gleichbleibenden Texte des katholischen Gottesdienstes, des Ordinariums. Sie ist die größte und angesehenste Gattung der Renaissance. Ein Komponist zeigte mit einer Messe, was er kann.

Die fünf Teile des Ordinariums

  1. Kyrie „Herr, erbarme dich“ (griechisch), dreiteilig: Kyrie – Christe – Kyrie
  2. Gloria „Ehre sei Gott in der Höhe“
  3. Credo das Glaubensbekenntnis, der längste Text
  4. Sanctus „Heilig“, mit Benedictus
  5. Agnus Dei „Lamm Gottes“

Merkhilfe: Kinder Gehen Christlich Singend Aus. Die wechselnden Texte des Kirchenjahrs (Proprium) werden meist nicht mitvertont.

So bauen Komponisten eine Messe

  • Cantus-firmus-Messe: Eine bekannte Melodie liegt in langen Notenwerten im Tenor und verbindet alle fünf Teile, sogar das weltliche Lied L’homme armé („Der bewaffnete Mann“).
  • Paraphrasemesse: Eine Choralmelodie wird verziert und wandert durch alle Stimmen.
  • Parodiemesse: Ein ganzes mehrstimmiges Stück, z. B. eine Motette, wird umgearbeitet. Das war im 16. Jahrhundert die häufigste Art.

Werke

Giovanni Pierluigi da Palestrina: Missa Papae Marcelli (gedruckt 1567)

Der Komponist der päpstlichen Kapelle schreibt klar und textverständlich. Nach einer Legende rettete diese Messe die mehrstimmige Kirchenmusik vor dem Verbot durch das Konzil von Trient.

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Josquin des Prez: Missa Pange lingua (um 1515)

Paraphrasemesse über einen Hymnus. Die Choralmelodie klingt in allen Stimmen an.

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Guillaume Dufay: Missa L’homme armé (um 1460)

Cantus-firmus-Messe über ein weltliches Soldatenlied. Über 40 Komponisten schrieben Messen über diese Melodie.

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Motette

Die Motette ist ein geistliches, mehrstimmiges Chorwerk, meist auf einen lateinischen Bibel- oder Gebetstext, der nicht zum Ordinarium gehört, also kein Messteil ist. Sie ist kürzer und freier als die Messe und das wichtigste Feld für Durchimitation.

Merkmale

  • Gliederung nach dem Text: Jede Zeile bekommt ein eigenes Motiv und einen eigenen Abschnitt.
  • Wechsel zwischen durchimitierten und akkordisch-homophonen Abschnitten (alle Stimmen sprechen den Text gleichzeitig, das hebt wichtige Worte hervor).
  • Meist vier bis sechs Stimmen, im Ideal a cappella. Es gibt aber auch Riesenwerke: Thomas Tallis’ Spem in alium hat 40 Stimmen.
  • Der Name kommt vom französischen mot (Wort). Die Gattung gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, damals mit mehreren Texten gleichzeitig.

Motette oder Messe?

Beide sind geistlich und lateinisch. Die Messe vertont immer dieselben fünf Ordinariumstexte. Die Motette vertont einen frei gewählten geistlichen Text, z. B. einen Psalm oder ein Mariengebet.

Werke

Josquin des Prez: Ave Maria … virgo serena (um 1485)

Ein Musterbeispiel für Durchimitation: Die Stimmen setzen paarweise nacheinander ein, am Ende steht eine schlichte, akkordische Bitte.

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Palestrina: Sicut cervus

Vertonung von Psalm 42 („Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser“). Ruhig fließende Linien, die Stimmen setzen nacheinander mit demselben Motiv ein.

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Orlando di Lasso: Tristis est anima mea

Der Leiter der Münchner Hofkapelle malt Jesu Todesangst am Ölberg mit dunklen Klängen und eindringlicher Textausdeutung.

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Madrigal

Das Madrigal ist ein weltliches, mehrstimmiges Vokalstück auf ein kunstvolles Gedicht in der Landessprache, zuerst Italienisch. Es erzählt von Liebe, erfüllt oder unerfüllt, von Natur, Abschied und Tod. Es entsteht um 1530 in Italien, hat seine Blüte im 16. Jahrhundert und wird durch den Notendruck in ganz Europa beliebt, besonders in England.

Merkmale

  • Meist vier bis fünf Stimmen, oft solistisch gesungen, zur Unterhaltung im kleinen, gebildeten Kreis an Höfen und in Akademien.
  • Durchkomponiert: Die Musik folgt dem Gedicht Zeile für Zeile, ohne Strophenwiederholung.
  • Freier als die Kirchenmusik: kühne Harmonik, Chromatik und scharfe Dissonanzen, wenn der Text es verlangt.
  • Ab etwa 1600 auch mit Generalbass (Monteverdi): Das Madrigal führt direkt in den Barock.

Madrigalismen: Musik malt Worte

Einzelne Wörter werden bildhaft vertont:

  • salire (steigen) → aufsteigende Linie
  • cadere (fallen) → absteigende Linie
  • sospiro (Seufzer) → Pause mitten im Wort
  • dolore / morire (Schmerz, sterben) → Dissonanz, Chromatik
  • solo (allein) → nur eine Stimme singt
  • correre (laufen) → schnelle Notenwerte

Werke

Jacques Arcadelt: Il bianco e dolce cigno (1539)

Eines der bekanntesten frühen Madrigale. Bei „piangendo“ (weinend) und „morire“ (sterben) verändert sich der Klang deutlich.

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Claudio Monteverdi: Cruda Amarilli (1605)

Die unvorbereiteten Dissonanzen lösten einen Streit mit dem Theoretiker Artusi aus. Monteverdi verteidigte sie: Der Text ist Herr über die Musik.

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Thomas Morley: Now is the month of maying (1595)

Englisches Madrigal (genauer ein Ballett mit „Fa-la-la“-Kehrreim): leicht, tänzerisch, sofort zum Mitsingen.

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Gesellschaftslied

Das Gesellschaftslied ist das ein- oder mehrstimmige weltliche Lied in deutscher Sprache im 15. und 16. Jahrhundert. Gesungen wurde es in der „Gesellschaft“, also bei Hof, unter Bürgern, Studenten und in Patrizierhäusern. Es handelt von Liebe, Abschied, Wein, Jagd und Alltag, oft mit Humor.

Das Tenorlied

  • Die bekannte Liedmelodie liegt im Tenor. Die anderen Stimmen umspielen sie kunstvoll, deshalb heißt es „Tenorlied“.
  • Man konnte es mit Sängern oder mit Instrumenten besetzen, ganz nach Lust und vorhandenen Musikern.
  • Gesammelt wurde in Liederbüchern, etwa dem Lochamer-Liederbuch (um 1450–1460), später in gedruckten Sammlungen.
  • Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wandert die Melodie in die Oberstimme. Unter italienischem Einfluss werden die Lieder leichter und tänzerischer.
Sopranumspielt
Altumspielt
TenorLiedmelodie
BassFundament
Im Tenorlied trägt der Tenor die Melodie. Heute erwarten wir sie meist oben im Sopran.

Werke

Heinrich Isaac: Innsbruck, ich muss dich lassen (um 1500)

Isaac war Komponist der Hofkapelle Kaiser Maximilians I. Der Abschied von Innsbruck wurde so beliebt, dass die Melodie später zum Kirchenlied „O Welt, ich muss dich lassen“ wurde. Bach verwendet es in der Matthäus-Passion.

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Orlando di Lasso: Audite nova (1573)

Aus den Neuen teutschen Liedlein. Es beginnt feierlich lateinisch wie ein Hymnus („Hört Neues!“) und erzählt dann derb-komisch vom Bauern, der zum Martinsfest eine fette Gans hat. Die lebendige Textausdeutung erinnert an ein Madrigal, vom Text her ist es ein deutsches Lied.

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Ludwig Senfl (um 1490–1543)

Isaacs Schüler und der wichtigste Meister des Tenorlieds, z. B. „Das G’läut zu Speyer“ mit nachgeahmtem Glockenklang.

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Daneben gibt es in Frankreich die Chanson (z. B. Clément Janequin, La guerre, mit nachgeahmtem Schlachtenlärm) und durch die Reformation das deutsche Kirchenlied für die ganze Gemeinde.

Die vier Gattungen im Vergleich

Messe, Motette, Madrigal und Gesellschaftslied auf einen Blick
MesseMotetteMadrigalGesellschaftslied
geistlich / weltlichgeistlichgeistlichweltlichweltlich
SpracheLatein (Kyrie: Griechisch)meist LateinItalienisch, Englisch …Deutsch
Textfest: die fünf Ordinariumsteilefrei gewählt: Bibel, Psalm, Gebetkunstvolles GedichtLiedtext, oft strophisch
OrtGottesdienstGottesdienst, AndachtHof, Akademie, gebildeter KreisHof, Bürgerhaus, Geselligkeit
Typischgroßer, mehrteiliger ZyklusDurchimitation nach TextzeilenMadrigalismen, kühne HarmonikMelodie im Tenor
BeispielPalestrina, Missa Papae MarcelliJosquin, Ave MariaMonteverdi, Cruda AmarilliIsaac, Innsbruck, ich muss dich lassen
Teste dich: Welche Gattung ist das?
  1. Lateinisch, fünf Teile von Kyrie bis Agnus Dei: Messe
  2. Italienisches Liebesgedicht, bei „sospiro“ eine Pause mitten im Wort: Madrigal
  3. Lateinischer Psalm, die Stimmen setzen nacheinander mit demselben Motiv ein: Motette
  4. Deutscher Abschiedstext, die Melodie liegt im Tenor: Gesellschaftslied (Tenorlied)

Quellen